{"id":1422,"date":"2021-02-18T11:46:20","date_gmt":"2021-02-18T11:46:20","guid":{"rendered":"https:\/\/aktionvierviertel.ch\/?p=1422"},"modified":"2026-02-13T04:51:19","modified_gmt":"2026-02-13T04:51:19","slug":"kuhglocken-und-trainerhosen-warum-integration-kein-einburgerungskriterium-sein-darf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktionvierviertel.ch\/fr\/cloches-de-vache-et-pantalons-de-survetement-pourquoi-lintegration-ne-devrait-pas-etre-un-critere-de-naturalisation\/","title":{"rendered":"CLOCHES DE VACHE ET PANTALONS DE SURV\u00caTEMENT : POURQUOI L'INT\u00c9GRATION NE DEVRAIT PAS \u00caTRE UN CRIT\u00c8RE DE NATURALISATION"},"content":{"rendered":"<p><em>Ohne Integration kein Schweizer Pass. Doch was heisst Integration \u00fcberhaupt? Obwohl das niemand so genau weiss, werden viele Menschen in der Schweiz aufgrund \u201cmangelnder Integration\u201d nicht eingeb\u00fcrgert. Genau hier liegt das Problem.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Sie sei <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/direktedemokratie\/einbuergerung-an-gemeindeversammlung_kein-schweizer-pass-fuer-tierschuetzerin\/42820972\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">nicht integriert<\/a>, weil sie mit ihrem Engagement gegen Kuh- und Kirchenglocken Traditionen abschaffen wolle. Mit dieser Begr\u00fcndung wurde Nancy Holten in Gipf-Oberfrick die Einb\u00fcrgerung verweigert. Viele Einb\u00fcrgerungswillige in der Schweiz werden mit der Begr\u00fcndung abgelehnt, nicht, zu wenig, oder \u201enicht allzu ausgepr\u00e4gt\u201c <em>integriert<\/em> zu sein. Dabei ist v\u00f6llig unklar, was damit genau gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Zwar h\u00e4lt das revidierte und 2018 in Kraft getretene B\u00fcrgerrechtsgesetz erstmals fest, wodurch sich eine <em>erfolgreiche Integration<\/em> insbesondere zeigt, n\u00e4mlich<\/p>\n\n\n\n<p>a) im Beachten der \u00f6ffentlichen Sicherheit und Ordnung;<br>b) in der Respektierung der Werte der Bundesverfassung;<br>c) in der F\u00e4higkeit, sich im Alltag in Wort und Schrift in einer Landessprache zu verst\u00e4ndigen; und<br>d) in der Teilnahme am Wirtschaftsleben oder am Erwerb von Bildung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schliesslich fordert das Gesetz ebenfalls, mit den \u201eschweizerischen Lebensverh\u00e4ltnissen vertraut zu sein\u201c. So weit, so vage. W\u00e4hrend ein Strafregisterauszug (a), ein Sprachdiplom (c) oder ein Arbeitsvertrag (d) handfeste Dokumente und mehr oder weniger objektive Kriterien sind \u2013 was noch nicht heisst, dass es legitime und verh\u00e4ltnism\u00e4ssige Kriterien f\u00fcr die Einb\u00fcrgerung sind \u2013 lassen sich die Respektierung der Werte der Bundesverfassung (b) oder eben das Vertrautsein mit den schweizerischen Lebensverh\u00e4ltnissen nicht so einfach bemessen und beurteilen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Integration wohinein?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was soll das \u00fcberhaupt sein, diese \u201eWerte der Bundesverfassung\u201c und die \u201eschweizerischen Lebensverh\u00e4ltnisse\u201c? Genauso wie die Werte der B\u00fcrger:innen in einer vielf\u00e4ltigen Demokratie betr\u00e4chtlich auseinander gehen, so tun es auch die Lebensverh\u00e4ltnisse. Wessen Werte gilt es also zu respektieren, mit wessen schweizerischen Verh\u00e4ltnissen sich vertraut zu machen? Oder eben: Wohinein genau soll man sich <em>integrieren<\/em>?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun mag man einwenden: Bei Einb\u00fcrgerungen legen die Gemeinden durchaus fest, was genau sie unter Integration verstehen, etwa die Kenntnis von Sitten und Gebr\u00e4uchen, die Mitgliedschaft in einem lokalen Verein oder die Namen der Dorfbeizen. Wo also liegt das Problem, wenn die Gemeinden doch sehr genau wissen, was sie unter Integration verstehen?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kuhglocken und Trainerhosen: das Problem der Willk\u00fcr&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"translation-block\">Das erste Problem ist die Willk\u00fcr. Gerade weil das Gesetz nicht abschliessend definiert, was Integration ist, k\u00f6nnen Gemeinden und Einb\u00fcrgerungskommissionen alles M\u00f6gliche \u2013 oder besser gesagt: alles St\u00f6rende \u2013 darunter verstehen: Politisches Engagement gegen <a href=\"https:\/\/www.swissinfo.ch\/ger\/direktedemokratie\/einbuergerung-an-gemeindeversammlung_kein-schweizer-pass-fuer-tierschuetzerin\/42820972\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">Kuh- und Kirchenglocken<\/a>? Nicht integriert! Auf der Strasse <a href=\"https:\/\/www.blick.ch\/schweiz\/zuerich\/weil-er-nicht-gruesst-einwohner-verweigern-deutschem-47-the-naturalization-id16530039.html\" class=\"rank-math-link\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">nicht gr\u00fcssen<\/a>? Nicht integriert! In <a href=\"https:\/\/www.bzbasel.ch\/basel\/baselland\/mit-trainerhosen-gibts-keinen-roten-pass-ld.1560016\" target=\"_self\" rel=\"noopener\">Trainerhosen<\/a> durchs Dorf laufen? Nicht integriert! Das ist nat\u00fcrlich absurd, und doch haben diese F\u00e4lle System, eben weil es keine genaue Definition von Integration gibt. Warum also legt das Parlament nicht einfach genauer fest, was es unter Integration versteht? Die Antwort ist: Es kann nicht. Zumindest nicht, solange es dem Anspruch einer liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie gerecht werden will.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freiheit oder Integration<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn das ist das zweite Problem mit der Integration: die individuellen Freiheiten. Auch wenn die \u201eWerte der Bundesverfassung\u201c nirgendwo klar definiert sind, sind es die Grundrechte und -Freiheiten sehr genau: Artikel 7 bis 36 der Verfassung. Sie gelten f\u00fcr alle Menschen in der Schweiz gleichermassen, unabh\u00e4ngig vom Schweizer Pass. Wenn es also Schweizer:innen gr\u00f6sstenteils frei stehen soll, wie sie leben wollen, mit wem und in welchen Verh\u00e4ltnissen, in Trainerhosen oder nicht, sich politisch zu engagieren oder nicht, einer Religion anzugeh\u00f6ren oder nicht, einem Verein beizutreten oder nicht \u2013 die Antwort ist immer dieselbe: ja, soll es \u2013 dann gilt dies auch f\u00fcr Menschen ohne Schweizer Pass. Und damit sind wir beim Kern des Integrationsparadoxes: Viele Anforderungen und Vorstellungen von Integration widersprechen einem der genannten Integrationskriterien gleich selbst: die Respektierung der individuellen Grundrechte und Freiheiten der Bundesverfassung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es kann deshalb nicht sein, dass eine Bedingung daf\u00fcr, durch die Einb\u00fcrgerung B\u00fcrger:in dieser liberalen Demokratie zu werden, darin besteht, auf Grundfreiheiten eben dieser Demokratie zu verzichten und sich anpassen zu m\u00fcssen. Entsprechend lautet die Frage am Ende: Freiheit oder Integration. Und w\u00e4hrend Schweizer:innen f\u00fcr sich gerne ersteres in Anspruch nehmen, fordern sie von k\u00fcnftigen B\u00fcrger:innen letzteres \u2013 und versagen ihnen damit die Freiheit, ein Grundwert der Bundesverfassung und der schweizerischen Lebensverh\u00e4ltnisse.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sans int\u00e9gration pas de passeport suisse. 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