{"id":7402,"date":"2023-08-08T12:37:29","date_gmt":"2023-08-08T12:37:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aktionvierviertel.ch\/?p=7402"},"modified":"2026-02-13T04:51:19","modified_gmt":"2026-02-13T04:51:19","slug":"ein-labor-fur-demokratie-und-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktionvierviertel.ch\/fr\/ein-labor-fur-demokratie-und-freiheit\/","title":{"rendered":"Ein Labor f\u00fcr Demokratie und Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zum Bundesstaat von 1848 war der Kanton St.Gallen ausschlaggebend. Das politische Denken wies weit \u00fcber die Schweiz hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>1848 ist das Schl\u00fcsseljahr f\u00fcr die moderne Schweiz. 1848 war auch ein Schl\u00fcsseljahr f\u00fcr Europa. In ganz Europa gab es damals Bewegungen und Revolutionen f\u00fcr Freiheit und Demokratie. Nur in der Schweiz war diese Revolution erfolgreich. \u00dcberall sonst setzten sich am Schluss die Reaktion\u00e4re durch, die Kaiser, die K\u00f6nige.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Schweiz war damals, vor 175 Jahren, der politische Herzschlag Europas. F\u00fcr die Demokratie. F\u00fcr die Freiheit.<br><br>Das passte den M\u00e4chtigen, den Herrscherh\u00e4usern in Europa nicht. Aber sie waren damit besch\u00e4ftigt, die Revolutionen in ihren eigenen L\u00e4ndern niederzuschlagen. Als sie sich durchgesetzt hatten, war die moderne Schweiz schon gegr\u00fcndet: Die neue Bundesverfassung, der Bundesstaat von 1848. F\u00fcr eine Intervention der reaktion\u00e4ren M\u00e4chte war es zu sp\u00e4t.<br><br>Keine andere staatliche Ordnung in Europa, kein anderer Staat weltweit ist in den letzten 175 Jahren so stabil geblieben. Mit Ausnahme der USA \u2013 die amerikanische Demokratie ist noch \u00e4lter, sie stammt von 1776. Das amerikanische Zweikammersystem war das Vorbild f\u00fcr das schweizerische Zweikammersystem.<br><br>Dass der Bundesstaat 1848 gegr\u00fcndet werden konnte, war nicht selbstverst\u00e4ndlich. Nicht nur im Vergleich mit den anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Vor 1848 lagen 50 turbulente Jahre, beginnend mit der Helvetik, ohne die der Bundesstaat wohl nicht m\u00f6glich geworden w\u00e4re. Politisch blieb in diesen f\u00fcnf Jahrzehnten kein Stein auf dem anderen. Vieles war \u00fcberraschend, unvorhersehbar.<br><br>In der Schweizer Geschichtsschreibung sind die f\u00fcnf Jahrzehnte zwischen 1798 und 1848 auch schon als die \u00ab50 leeren Jahre\u00bb bezeichnet worden. Das ist aber vor allem ein Problem der Geschichtsschreibung. In der Realit\u00e4t waren diese Jahrzehnte alles andere als leer.<br><br>Das gilt gerade f\u00fcr den Kanton St.Gallen. Er spielte eine wichtige Rolle f\u00fcr den Sieg von Freiheit und Demokratie. St.Gallen war als sogenannter Mediationskanton ein Kunstgebilde aus verschiedenen Regionen, die keine gemeinsame Geschichte hatten. Aber gerade darum war St.Gallen vielleicht beispielhaft f\u00fcr die moderne Schweiz: Weil sich der Kanton St.Gallen nach der Mediation von 1803 aus dem Nichts neu erfinden musste.<br><br>Was war die alte Eidgenossenschaft vor 1798, also vor dem Einmarsch der Franzosen? Nichts anderes als ein B\u00fcndnis von l\u00e4ndlichen und st\u00e4dtischen Orten, die sich gr\u00f6ssere Teile der heutigen Schweiz als Untertanengebiete teilten. Auch gr\u00f6ssere Teile des heutigen Kantons St.Gallen geh\u00f6rten dazu. 1798 wurden die Landv\u00f6gte der alten Orte unter dem Jubel der Bev\u00f6lkerung davongejagt.<br><br>F\u00fcr die Schweiz war die sogenannte Franzosenzeit eine schwierige Zeit. Aber als Napoleon auf dem Schlachtfeld von den alten M\u00e4chten besiegt worden war, wollten die alten Orte, unter Einschluss des F\u00fcrstabts von St.Gallen, ihre Untertanengebiete zur\u00fcck. Ironie der Geschichte: Das wurde ihnen am Wiener Kongress ausgerechnet von den reaktion\u00e4ren M\u00e4chten verwehrt, die \u00fcberall sonst die alte Ordnung in Europa wieder herstellten. Zu wichtig war den europ\u00e4ischen M\u00e4chten die politische Stabilit\u00e4t der Schweiz in der Mitte Europas, als dass sie diese wieder riskieren wollten. Die Stabilit\u00e4t war nur garantiert, wenn an der neuen Ordnung der Kantone nichts ge\u00e4ndert wurde.<br><br>Das alles erm\u00f6glichte die entscheidende Rolle des Kantons St.Gallen in den Jahrzehnten vor 1848: St.Gallen wurde zu einem Labor f\u00fcr Demokratie und Freiheit.<br><br>Der Bundesverfassung von 1848 voraus gingen die K\u00e4mpfe um die sogenannten Regenerationsverfassungen in den Kantonen Anfang der 1830er Jahre. Sie waren europaweit aufsehenerregend. Am weitesten ging der Kanton St.Gallen mit der Einf\u00fchrung des sogenannten Volksvetos, dem Vorl\u00e4ufer des Referendums. Das war eine weltweite Premiere. Und der Erfolg einer Volksbewegung. Volksversammlungen in Altst\u00e4tten, in Wattwil und in St.Gallenkappel hatten st\u00fcrmisch eine neue Verfassung verlangt, aber \u00abkeine von oben herab, sondern von unten herauf\u00bb.<br><br>Das erste Volksveto hatte zwar noch einen Geburtsfehler, indem die Nichtteilnehmenden als Ja-Stimmen gewertet wurden. Das \u00e4nderte aber nichts daran, dass das Referendum von der politischen Idee zur politischen Realit\u00e4t wurde, zuerst in ein paar Kantonen, dann im Bund. Der Idee zum Durchbruch verhalfen Volksbewegungen, wie bei allen demokratiepolitischen Fortschritten.<br><br>St.Gallen stand damals nicht nur bei den direktdemokratischen Rechten an der Spitze. Dies galt, zusammen mit dem Thurgau, auch beim Wahlrecht. Fast \u00fcberall galt sonst damals der sogenannte Zensus, das heisst das Wahlrecht stand nur den Verm\u00f6genden zu. Das allgemeine Wahlrecht zun\u00e4chst der M\u00e4nner musste erst einmal erk\u00e4mpft werden.<br><br>Dank den direktdemokratischen Rechten, dem Referendum, der Volksinitiative, war die Schweiz im 19. Jahrhundert die weltweit f\u00fchrende Demokratie, bis sie diesen Spitzenplatz im 20. Jahrhundert verlor und wegen des gewaltigen R\u00fcckstands beim Frauenstimmrecht unter den Demokratien fast zum Schlusslicht wurde.<br><br>Das zweite Grossereignis der St.Galler Bewegung f\u00fcr Demokratie und Freiheit mit europ\u00e4ischer Ausstrahlung nach dem Volksveto war die Grosskundgebung vom 7. August 1836 in Flawil. 8000 M\u00e4nner demonstrierten f\u00fcr die Verteidigung des Asylrechts, der Freiheit und des Selbstbestimmungsrechts. Die reaktion\u00e4ren M\u00e4chte in Europa hatten nicht l\u00e4nger hinnehmen wollen, dass die Schweiz revolution\u00e4re Freiheitsk\u00e4mpfer aus ganz Europa beherbergte und ihnen Asyl gew\u00e4hrte. Als die Tagsatzung den massiven Drohungen der europ\u00e4ischen Monarchien nachgeben wollte, sorgten die Volksbewegungen, allen voran jene von Flawil, daf\u00fcr, dass die Schweiz ein Hort der Freiheit und des Asylrechts blieb. Viele der freiheitlich gesinnten Fl\u00fcchtlinge spielten f\u00fcr die Schweiz wirtschaftlich und politisch eine bedeutende Rolle.<br><br>Das dritte entscheidende Ereignis jener Jahre, mit dem St.Gallen zum Schicksalskanton f\u00fcr die moderne Schweiz wurde, war die Landsgemeinde des Bezirks Gaster vom 2. Mai 1847 in Sch\u00e4nis. Die Tagsatzung war nach der Gr\u00fcndung des Sonderbunds durch die katholischen Orte durch ein Patt blockiert. Jetzt kam alles auf den Kanton St.Gallen an. St.Gallen war ein mehrheitlich katholischer Kanton, in dem aber auch liberale Katholiken politisch eine grosse Rolle spielten. Nicht nur an der Tagsatzung, sondern auch im St.Galler Grossen Rat herrschte Stimmengleichheit, ein Patt.<br><br>Niemand hatte damit gerechnet, dass ausgerechnet der katholische Bezirk Gaster den Entscheid f\u00fcr die moderne Schweiz herbeif\u00fchren w\u00fcrde, hatte die Landsgemeinde doch vorher immer und auch nachher immer konservativ gew\u00e4hlt. Am 2. Mai 1847 aber setzten sich erstmalig und einmalig die liberalen Katholiken durch. Mit der Folge, dass die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im St.Galler Grossen Rat kippten. Und damit auch die Mehrheitsverh\u00e4ltnisse an der Tagsatzung. Mit dem Beschluss zur Aufl\u00f6sung des Sonderbunds und der milit\u00e4rischen Intervention war der Weg frei zur Bundesverfassung und zum Bundesstaat von 1848.<br><br>Der Bezirk Gaster war, als es darauf ankam, auf der H\u00f6he der historischen Aufgabe. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten wurde hier ein Weg nach vorne ge\u00f6ffnet. Die Landsgemeinde von Sch\u00e4nis, das heisst ihr unerwarteter Ausgang, war f\u00fcr die moderne Schweiz ein Gl\u00fccksfall.<br><br>Was k\u00f6nnen wir aus diesem spannenden St\u00fcck Geschichte unseres Landes f\u00fcr die Gegenwart ableiten?<br><br>Auf dem Pr\u00fcfstand steht wieder die Demokratie. Wenn wir im 19. Jahrhundert der Leuchtturm waren und im 20. Jahrhundert zum Schlusslicht wurden, weil die M\u00e4nnermehrheit den Frauen bis vor 50 Jahren das Stimm- und Wahlrecht verweigerte, dann muss es heute zu denken geben, dass wieder mehr als ein Viertel der st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung von den politischen Rechten ausgeschlossen ist. Der Anteil der Ausgeschlossenen nimmt zu. Viele von ihnen sind hier geboren worden und aufgewachsen. Es braucht einen neuen demokratischen Aufbruch, wie jener im jungen Bundesstaat. Stark erschwert wurde der Zugang zum B\u00fcrgerrecht erst im Laufe des 20. Jahrhunderts, also in j\u00fcngerer Zeit.<br><br>Dass die Zusammensetzung unserer Bev\u00f6lkerung vielf\u00e4ltiger geworden ist, ist dabei keine Schw\u00e4che, sondern eine St\u00e4rke. Nicht nur im Fussball, wo die Schweiz inzwischen klar \u00fcber ihrer Gewichtsklasse spielt. Gesellschaftlich und wirtschaftlich kann sich die Schweiz bei der Integration der Wohnbev\u00f6lkerung sehen lassen, auch im internationalen Vergleich. Politisch hinken wir hinterher. Die Volksinitiative der Aktion Vierviertel f\u00fcr eine neues B\u00fcrgerrecht will das \u00e4ndern. Die Schweiz ist zu Recht stolz auf die demokratischen Rechte. Das vertr\u00e4gt sich nicht damit, dass mehr als ein Viertel von den politischen Rechten ausgeschlossen sind.<br><br>1848 war die Schweiz als erste Demokratie in Europa stark fortschrittsorientiert. Der Bundesstaat schuf die Grundlagen daf\u00fcr, dass sich die Schweiz, fr\u00fcher ein armes Land, auch wirtschaftlich stark entwickelte. Das politische Denken der Gr\u00fcndergenerationen des Bundesstaats war nicht eng und engherzig, sondern weit und weitherzig. Sie verstanden sich in gr\u00f6sseren Zusammenh\u00e4ngen. Der Kampf f\u00fcr Demokratie und Freiheit wies \u00fcber die Schweiz weit hinaus.<br><br>Wenn wir uns heute fragen, was f\u00fcr die Zukunft wichtig ist, dann geht es bei den nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen um Herausforderungen, die es in dieser Dimension \u00fcberhaupt noch nie gab. Wie nie in der Menschheitsgeschichte zuvor sind die Lebensgrundlagen in wenigen Generationen so ver\u00e4ndert worden, dass sich mit dem menschengemachten Klimawandel planetarische Fragen stellen. Diese Fragen \u00fcbersteigen die Dimensionen des Nationalstaats bei weitem. Sie k\u00f6nnen nur weltweit angegangen werden. Umso wichtiger ist es, dass alle, auch wir in der privilegierten Schweiz, ihren Beitrag leisten. Wir werden uns in sp\u00e4teren Jahrzehnten die Frage gefallen lassen m\u00fcssen, ob wir heute auf der H\u00f6he der Aufgabe gewesen sind. Ob wir alles getan haben, um die Lebensgrundlagen k\u00fcnftiger Generationen zu sichern.<br><br>Die Bundesverfassung von 1848 hielt fest, dass mit den Untertanenverh\u00e4ltnissen \u00aballe Vorrechte des Orts, der Geburt, der Familien oder der Personen\u00bb abgeschafft seien. Das Versprechen der Rechtsgleichheit war damals revolution\u00e4r. Es ist bis heute aktuell geblieben. Wenn die Menschen mit gleichen Rechten geboren werden, wenn es keine Untertanenverh\u00e4ltnisse und keine Vorrechte des Orts und der Geburt mehr gibt, dann misst sich das an den Lebensperspektiven der Menschen, den Chancen f\u00fcr alle.<br><br>Verk\u00f6rpert sind diese in einem Bildungswesen, das allen Chancen er\u00f6ffnet. Angefangen bei der \u00f6ffentlichen Volksschule. Und in einem sozialen Rentensystem, wie es bei uns mit der AHV als Grundlage der Altersvorsorge weltweit wegweisend verankert wurde. Dem m\u00fcssen wir Sorge tragen.<br><br>Die Erinnerung an die Geschichte des Bundesstaats ist kein Selbstzweck. Die Gr\u00fcndungsgeschichte sch\u00e4rft die Sinne daf\u00fcr, dass auch wir, in unserer Zeit, uns auf der H\u00f6he unserer Verantwortung bewegen m\u00fcssen. Und daran denken, dass von den Entscheiden, die wir treffen, nicht nur wir, sondern auch zuk\u00fcnftige Generationen betroffen sind. Demokratie heisst, dass wir diese Verantwortung gemeinsam tragen.<br><br><br>Als Rede gehalten an der 1. August-Feier in Uznach.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Bruno&nbsp;Wickli, Politische Kultur und die \u00abreine Demokratie\u00bb, Verfassungsk\u00e4mpfe und l\u00e4ndliche Volksbewegungen im Kanton St.Gallen 1814\/15 und 1830\/31, St.Gallen 2006<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Rolf Holenstein,&nbsp;Stunde Null, Die Neuerfindung der Schweiz 1848, Basel 2018<\/li>\n\n\n\n<li>Theodor Curti, Zur Geschichte der Volksrechte, Die Wirkungen des Referendums in: Die Neue Zeit, XI. Jg., Nr. 40\/1893 (den Hinweis verdanke ich Bruno Schoch)<\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Weg zum Bundesstaat von 1848 war der Kanton St.Gallen ausschlaggebend. Das politische Denken wies weit \u00fcber die Schweiz hinaus. 1848 ist das Schl\u00fcsseljahr f\u00fcr die moderne Schweiz. 1848 war auch ein Schl\u00fcsseljahr f\u00fcr Europa. 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